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E no easy – mais ca va aller!

Autor: AnneMontanus | Datum: 19 Januar 2013, 14:38 | Kommentare deaktiviert

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Ihr Lieben,

Etwas verspaetet wuensche ich euch ein frohes neues Jahr ! Einer meiner Vorsaetze : Mehr Blog schreiben ;-) Meine Mutter hat nachgerechnet, mehr als 3  Monate seit meinem letzten Blogeintrag. Nicht, dass ich nichts zu erzaehlen haette, ganz im Gegenteil, ich finde oft einfach nicht die Zeit dazu. Die Chance, Euch so an meinen ersten Eindruecken und Erfahrungen teilhaben zu lassen, habe ich so leider verpasst. Inzwischen ist vieles fuer mich schon Alltag, Normalitaet geworden (was es allerdings nicht weniger spannend macht). Ich verlebe gerade 3 volle und erfuellte Wochen im Centre, bevor ich in einer Woche schon wieder nach Kribi zu meinem Zwischenseminar fahre. Danach melde ich mich wieder persoenlich bei Euch. Bis dahin wuensche ich euch viel Spass mit einem Bericht von Lukas, der mich fuer 3 Wochen besucht hat und ein bisschen ueber seine ersten Eindruecke von Kamerun und dem Centre berichtet :


Ich habe heute die Ehre, sozusagen als Gastautor meinen Teil zu diesem Blog beizutragen. Ich bin Lukas, Annes Freund, und habe sie über Weihnachten und Silvester für drei Wochen in Kamerun besucht. Irritierenderweise schreibe ich diese Worte nun im verschneiten Maastricht. Mal sehen, wann ich wirklich realisieren werde, dass ich wieder im kalten Europa gelandet bin – es ist schon verrückt, wie man innerhalb von 24 bzw. 48 Stunden komplett die Welt wechseln kann. Mein Aufenthalt in Kamerun war nicht meine erste Afrikaerfahrung; 2010-2011 habe ich bereits meinen Zivildienst im westafrikanischen Togo absolviert. Nicht alles war daher für mich neu, trotzdem bin ich ein außenstehender Beobachter und ich hoffe, ihr habt Spaß an meinem Bericht. Wer über Afrika schreibt trägt Verantwortung für die Botschaft die er weiterträgt und das Bild das er (mit-)prägt. Über Afrika zu schreiben ist nicht einfach – e no easy. Aber es wird schon gehen – ca va aller!
Als musikalische Untermalung zur Lektüre möchte ich P-Square empfehlen, um ein bisschen in die Stimmung zu kommen. Ihr findet sie natürlich bei youtube.
Aus „technischen Gründen“ hatte mein Flug von Brüssel nach Addis Abeba, Äthiopien, so viel Verspätung, dass ich dort meinen Anschlussflug verpasste. So etwas kann natürlich passieren. Abgesehen davon, dass alle ihre Flüge über Addis gehen (schaut euch das mal auf der Karte an!), ist Ethiopian Airlines aber leider auch nicht besonders stark in ihrem Service. Gemeinsam mit einem viel-fluchenden Kameruner aus Paris und zwei Dutzend Chinesen, die kein Wort Englisch oder Französisch verstanden, strandeten wir also in Addis am Flughafen. Uns wurden die Pässe abgenommen um ein Hotel für die Nacht zu organisieren. Danach wurde uns Frühstück serviert und dann wurden wir für sechs Stunden nicht mehr informiert… Schließlich wurden wir doch ins Hotel transportiert, der kurze Blick auf Addis Abeba war viel versprechend. Ein Land mit völlig eigener Sprache und Schrift, das nie kolonisiert war und in angenehmem Klima in den Bergen gelegen ist, ist bestimmt einen ausführlicheren Besuch wert. Unter diesen Umständen war es allerdings äußerst unangenehm, „so nah“ und doch so unendlich fern (abgebrochenen Handyempfang inklusive) von Anne zu sein. Nach anstrengenden 48 Stunden kamen wir schließlich doch in Douala an und dass dann einer meiner Koffer nicht angekommen war (er tauchte einige Tage später wieder auf) konnte mich weder überraschen noch schrecken. Nach fast vier Monaten war ich endlich wieder mit Anne zusammen!
Am folgenden Tag fuhren wir mit Annes Chef, Zacharie, und dessen Frau MaDe mit dem Auto mit Zwischenstopps in einem Blindenzentrum in Douala, auf einer Palmölfarm, nach einer Reifenpanne nach Baham. Schon nach Einbruch der Dunkelheit kamen wir an und wurden überschwänglich willkommen geheißen. Ich war überfordert, so viele Menschen auf einmal kennen zu lernen und nach den letzten Wochen in Maastricht, die sehr stressig waren, ins völlige Nichtstun zu stürzen brachte mich auch erst einmal ins Stolpern. In den folgenden Tagen lernte ich aber die „Bewohner“ schnell kennen und hatte viel Spaß mit ihnen. Das Leben mit Behinderung in Kamerun ist nicht einfach und auch im Centre gibt es natürlich Schwierigkeiten – e no easy. Aber die Kinder und Jugendlichen dort meistern den Alltag in einer Weise die mich sehr beeindruckt hat. Sie übernehmen Aufgaben und Verantwortung, die in Deutschland unvorstellbar wären und auch wenn das nicht immer ideal ist, ermöglicht ihnen das doch eine deutlich aktivere Teilhabe am allgemeinen Leben. Einige von den Jungs genossen es sehr, einen Mann im Centre zu haben. Das ist allerdings auch das einzige, was Anne und Yonca nicht leisten können. Anne hat ein wundervolles Projekt, viel Arbeit, viel Gestaltungsfreiraum, wunderbare Kinder und Jugendliche mit denen sie arbeitet,  aber auch als Freunde und die beiden leisten dort wichtige Arbeit mit unglaublichem Engagement und großer Energie und Geduld. Ich genoss meine Zeit im Centre sehr, Fußball spielend, feiernd oder einfach nur mit den Bewohnern spaßend und UNO spielend. Es war gut, zu sehen wie Anne dort lebt und arbeitet und die Menschen kennen zu lernen, mit denen sie so viel Zeit verbringt.
Weihnachten ist wie kein anderes Fest verbunden mit Traditionen und Ritualen. Obwohl für uns in diesem Jahr alles anders war, konnten wir uns die wichtigsten Teile unserer Traditionen bewahren. Da Weihnachten überall außer in Deutschland am 25.12. gefeiert wird, hatten wir den 24. „für uns“. Zu zweit und sehr gemütlich lasen wir die Weihnachtsgeschichte, machten ausführliche Bescherung (die Hälfte meines Gepäcks bestand aus Geschenken) – und tatsächlich kam sogar ein wenig Weihnachtsstimmung auf. Am folgenden Tag waren wir bei Zacharie und seiner Familie eingeladen.
Es gab viel zu Essen, wir saßen lange zusammen oder „rum“ und es gab sogar einen Weihnachtsbaum. Also alles wie es sein muss. Nur dass der Plastikweihnachtsbaum immerfort Weihnachtslieder im Stil von Handyklingeltönen spielte und fröhlich von anderer Weihnachtsmusik übertönt wurde.
Zum Reisen in Kamerun braucht man vor allem viel Geduld. Sobald man sich aber gesagt hat, dass die Hälfte des Tages mit der Fahrt im Reisebus… und die andere Hälfte mit Warten gefüllt sein wird, sobald man sich gegenseitig seufzend, resignierend Mut zugesprochen hat („Du courage!“ – „Ca va aller.“), sobald man also seine völlige Machtlosigkeit akzeptiert hat, ist das Reisen sehr schön. Man kann die sich verändernde, phänomenale Landschaft genießen, an jedem Zwischenstopp neue Leckereien kaufen und probieren, schlafen, Musik hören und sich stundenlang unterhalten – und alles völlig entspannt und ohne Zeitdruck im Nacken. Würden die Deutschen sich in dieser Weise (absolute Resignation) auf eine Bahnfahrt vorbereiten, ginge es allen besser: keine Meckerer mehr, wenn der Zug fünf Minuten Verspätung hat und deutlich mehr lächelnde Reisende, kein Stress und weniger Burn-outs.
Ob man auf dem Motorradtaxi das Gefühl der Freiheit genießt, sich im überfüllten PKW zwischen drei dicke Mamas quetscht oder im Bus nur ergeben seufzt, wenn während der Fahrt die Ladeklappen aufgehen und das Gepäck herauspurzelt, Reisen ist einfach schön! Und mal unter uns; wenn wir uns im dauergestressten Deutschland ausnahmsweise erlauben, eine Bahnfahrt zu genießen, ist Reisen auch hierzulande ziemlich entspannend und einfach genial.
Eine weitere angenehme Eigenheit vom Reisen ist natürlich das Ankommen an unbekannten, neuen, aufregenden Orten. Drei Tage verbrachten Anne und ich in Yaoundé, Kameruns Hauptstadt. Wie in vielen westafrikanischen Ländern ist die Hauptstadt nicht identisch mit der wirtschaftlich stärksten und größten Stadt. Im Falle Kameruns ist das Douala, das ich als sehr stickig, heiß, laut und hektisch empfunden habe. Yaoundé dagegen ist erstaunlich sauber und wird gerade in weiten Teilen modernisiert, der Verkehr und die Menschen scheinen einen Ticken langsamer zu gehen und es finden sich sogar Parks und Grünflächen, wo man sie am wenigsten vermuten würde. Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, wohnten wir in einem Hotel in Bastos, Yaoundés Diplomaten- und Reichenviertel. Ein Besuch im Supermarkt und Pizza zum Abendessen bescherten Anne einen gehörigen Kulturschock. Es ist erstaunlich, was es für Brüche in einem Land gibt; können die Kinder im Centre sich überhaupt vorstellen, dass es Konsumtempel, wie sie sie nur aus dem Fernsehen kennen, in ihrem eigenen Land gibt? Beruhigend zu wissen, dass sie sie nicht zum glücklich-sein benötigen zu scheinen. Das öffnet auch uns Perspektiven, auch wenn es hier im krassen Gegensatz nicht einfach ist, sich dem ständigen Materialismus und Konsum zu entziehen.
Im muslimischen Viertel von Yaoundé strömten Tausende Männer aus allen Richtungen auf die große Moschee zum Freitagsgebet – und nach einer halben Stunde war alles wieder wie vorher.
Wir zogen über Märkte, ich kaufte Schuhe aus China (die auch in Kamerun keinen guten Ruf genießen: „Ca vient de la Chine? Ca se gate vite!“ – Produkte aus China gehen schnell kaputt) und bewegte mich vom Spaß am Verhandeln schnell zur kompletten Reizüberflutung. E no easy…
Über Silvester bestiegen wir für drei Tage den Mount Cameroun, mit 4095 Metern Westafrikas höchster Berg und im englisch-sprachigen Teil Kameruns gelegen. Unsere Führer und Gepäckträger gehörten von einer Organisation die Ökotourismus – teilweise von Transfair mitfinanziert – durchführt. Einige der Träger waren früher Jäger, denen nun im neu geschaffenen Nationalpark neue Arbeitsgelegenheiten ermöglicht werden. Am ersten Tag wanderten wir sechs Stunden durch Urwald und Steppe und zelteten schließlich auf 2860 Metern in Zelten. Am nächsten Morgen brachen wir bereits um fünf Uhr auf und erreichten gegen neun Uhr nach einigem Klettern und Wandern durch Lavagestein und –staub den Gipfel. Auf dem Weg nach oben schien nach jedem erreichten Gipfel noch ein weiterer zu kommen und entsprechend konnten wir von ganz oben nicht mehr die Stadt am Fuße des Berges sehen. Trotzdem wurden wir fortwährend von beeindruckenden Ausblicken und Landschaften wie von anderen Planeten belohnt. Der lange Abstieg führte uns an Vulkankratern von 1998 vorbei, durch schwarze Staub- und Steinwüsten, über felsige Lavaströme und endlose Savanne. Wir übernachteten an der Waldgrenze an einer Quelle, um am nächsten Tag den Rest des Abstieges zu wagen. Dieser zweite Tag brachte uns beide nach vier Stunden Bergsteigen und weiteren sieben Stunden Abstieg an unsere Grenze. Nachdem wir den gröbsten Dreck an der Quelle abwaschen konnten und eine Menge Spaghetti verzehrt hatten, schliefen wir sofort ein. Pflichtbewusst weckten wir uns um Mitternacht, wünschten uns ein gutes neues Jahr und schliefen weiter. Auch Silvester mal ganz anders.
Für uns beide war es der erste Wander/Klettertrip diesen Ausmaßes aber wir bewältigten ihn nicht nur gut (nur ein paar Blasen an den Füßen) sondern genossen die atemberaubende Landschaft und das Miteinander. Außerdem wurden wir immer wieder von unserem Führer mitfühlend ermutigt: „E no easy…“

Der Urlaub war so schön und entspannend, ins kalte, stressige Europa zurück geworfen zu werden fällt da nicht leicht. Aber ich werd´s schon packen. Und wenn man mal ehrlich ist, haben wir´s hier ja auch ganz schön. Mit Schnee und Zügen, die pünktlich abfahren, zum Beispiel.E no easy… mais ca va aller.